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Von Zufällen und Zwischenräumen

Fünf Teilnehmer:innen des Schreibwettbewerbs „Was für ein Zufall!“ überzeugen mit ihren Texten im Café am Grün und werden mit Preisen belohnt


Valentinstag 2023, kurz nach 20 Uhr. Langsam füllt sich das gemütliche Café am Grün mit Autor:innen, Studierenden und anderen Literaturinteressierten. Endlich ist es so weit: Ausgewählte Texte, für den Schreibwettbewerb unter dem Motto „Was für ein Zufall!“ verfasst, werden in ausgeloster Reihenfolge vorgetragen und von einer Jury diskutiert. Veranstaltet werden der Wettbewerb und die Lesung im Rahmen der Lehrredaktion des Studiengangs Literaturvermittlung in den Medien (Fachbereich 09) an der Philipps-Universität Marburg mit Unterstützung durch das Marburger Literaturforum und das Café am Grün.


Über 20 Einreichungen wurden dabei vorab gesichtet und fünf Beiträge zur Lesung vor Publikum bestimmt. Diese bestachen durch ihre besonders kreativen, nachdenklichen und teils auch kontroversen Ideen und Umsetzungen. Vier von fünf Verfasser:innen lesen an diesem Abend ihre Texte selbst vor, was diesen zusätzlich eine persönliche Note gibt. Diskutiert werden die Beiträge jeweils im Anschluss von einer Jury bestehend aus den Mitgliedern der Lehrredaktion Rieke Johannes, Laura Relitzki, Annabell Sent, Leonie Theiding und dem Redaktionsleiter PD Dr. Manuel Bauer. Laura Schiller, die als Moderatorin durch den Abend leitet, kommentiert zu Beginn der Veranstaltung treffend, es tue gut, zur Abwechslung über Texte zu sprechen, die andere geschrieben haben – nachdem in der Lehrredaktion ein Semester lang wöchentlich eigens verfasste Texte in gemeinsamer Runde debattiert und kritisch redigiert wurden.

Nach einer kurzen Begrüßung durch die Moderatorin nimmt zum Auftakt Johannes Vent die Zuhörenden in seinem Text Wie mich der Zufall zu Fall brachte mit auf einen „apokalyptischen Ritt auf dem Honigkuchenpferd“. Aus der zufälligen Begegnung mit der Ankündigung des Schreibwettbewerbs im Marburger Express entfaltet sich darin eine Geschichte über Autor:innenfiguren, Schreibblockaden und die „halbschummrigen-lauschigen Cafés“ Marburgs. Anschließend diskutiert die Jury über das Spiel mit dem Künstlergenie und die Varianz von Sprachregistern. Manuel Bauer kritisiert in seiner Funktion als Dozent – auf die er selbstironisch hinweist – die Reduzierung des Zufallsthemas und die zum Teil gehäufte Verwendung von Floskeln. Gelobt wird jedoch der charmante Umgang mit dem Thema.


Gleich darauf legt sich eine schwere Melancholie über den Raum, während Manuel Stark seine Kurzgeschichte Spätes Geständnis vorträgt. Für betroffene Stille bleibt aber nur kurz Zeit, stattdessen startet ohne Umschweife die nächste Diskussion, in der Laura Relitzki den Begriff des Zwischenraums einbringt, der von den anderen Diskutierenden wiederholt aufgegriffen wird. Die Unklarheit darüber, ob es sich bei dem vorgetragenen Text um eine zu spät verfasste Grabesrede für den verunglückten besten Freund handelt, die innertextlich nicht gehalten werden kann, spaltet die Jury ebenso wie die Frage danach, ob es sich um einen persönlichen, emotionalen oder doch kitschigen Text handele. Die bildliche Sprache sowie die tiefgründige, fast schon philosophische Auseinandersetzung mit Zufall und Schicksal werden jedoch fast einstimmig lobend hervorgehoben.


Das einzige Gedicht des Abends, Ich habe alles und du hast nichts, vorgetragen und verfasst von Lea Kolodzie, verbleibt bei dieser düsteren Note und erzählt von den Auswirkungen struktureller Gewalt. Das namenlose lyrische Ich sitzt im Text einem Menschen mit Fluchterfahrung gegenüber und reflektiert gedanklich über den Zufall der Herkunft, ohne das Gegenüber zu Wort kommen zu lassen (oder den Zufall explizit zu erwähnen). Dieses Thema und die gewählte Form lassen die darauffolgende Diskussion zur kontroversesten des Abends werden, da Unentschiedenheit darüber herrscht, ob die im Gedicht aufgerufenen Strukturen der Ungleichheit nur reproduziert oder tatsächlich aufgedeckt und problematisiert werden.



Während die Relevanz und Dringlichkeit des Themas betont werden, löst das Gedicht bei Teilen der Jury Empörung und Unwohlsein aus, die im Text selbst anklingen. Kritik äußert die Jury auch an den unreinen Reimen und der unglücklichen Rhythmisierung des lyrischen Textes. Besprochen werden im Ausgang der Diskussion weitere Fragen dazu, inwiefern Sprache Wirklichkeit schafft und die Bürokratie als Raum gesehen werden kann, der keine Zufälle zulässt.


Nach einer kurzen Pause folgt die Kurzgeschichte Albert von Silke Jäger, die ein gänzlich neues Thema anstößt. Bis zum Ende ihres Textes bleibt unklar, ob es sich bei dem titelgebenden Albert um ein Buch oder um eine dem Philosophen und Autor Albert Camus nachempfundene Figur handelt. Die Jury fühlt sich durch diese Begebenheit an das Sisyphos-Phänomen erinnert, das auch im Text durch den repetitiven Alltag der Erzählinstanz (deren Geschlecht undefiniert und irrelevant bleibt) reproduziert wird. Viele unbeantwortete Fragen und ein bleibendes Gefühl der produktiven Sinnlosigkeit, die nur akzeptiert werden kann, begleiten sowohl die Jury als auch das Publikum nach diesem Vortrag noch länger.


Die letzte Kurzgeschichte, Wie die Kunst von Martha Schoop, wird auf Wunsch der Verfasserin hin von einem Jurymitglied vorgetragen und rundet das Zufalls-Thema des Abends ab. Der Text widmet sich einer Schreibblockade und dem gescheiterten Versuch, dieser durch das Auf- und Leerräumen des Zimmers und des Lebens zu entkommen. Die Jury bespricht das Spiel mit Farben und Leerräumen, insbesondere bei der Farbsymbolik gehen die Meinungen bezüglich der Notwendigkeit allerdings auseinander. Die existentielle Schreibsituation und Melancholie der schreibenden Figur könne man, so die Jury, als Lesende:r dennoch gut nachempfinden, da der Text nie vollständig greifbar werde.



Bei der an die Lesung anschließenden Preisverleihung geht es dann spannend zu: Die über 30 Zuhörer:innen im Publikum stimmen anonym über die ersten drei Plätze ab – und es kommt zu einem Gleichstand auf Platz eins, der nur durch das Juryvotum der Lehrredaktion entschieden werden kann. Platz drei geht zunächst an Johannes Vent, dessen selbstreferentieller Text bereits auf Oralität ausgelegt war und die Zuhörenden gerade damit überzeugen konnte. Auf dem wohlverdienten zweiten Platz landet Silke Jäger, deren Text sich dadurch hervorhebt, dass er sich statt mit dem Schreiben mit dem Lesen befasst und weitreichende intertextuelle Bezüge herstellt. Den ersten Platz sichert sich schließlich Manuel Stark mit der Originalität seines Ansatzes, implizit über das (verfehlte) Schreiben zu schreiben, und nicht zuletzt dank seines sympathischen und souveränen Auftritts beim Vortragen des Textes. Als Hauptpreise werden Büchergutscheine für die Buchhandlung Roter Stern sowie kleine Trostpreise an die Autor:innen verliehen.



Die Mitglieder der Lehrredaktion ziehen nach dem erfolgreichen Abend ein positives Resümee und freuen sich nicht nur mit den Gewinnenden, sondern über alle eingereichten Beiträge und den bis auf die letzten Reihen gefüllten Raum an diesem Abend, der jungen Talenten aus Marburg die Chance gegeben hat, ihr literarisches Können unter Beweis zu stellen und unveröffentlichte Texte mit dem Publikum zu teilen. Der Schreibwettbewerb und insbesondere die gelungene Abschlussveranstaltung haben damit gezeigt, wie Literaturvermittlung in der Praxis funktionieren kann – und dies für viele zum ersten, aber hoffentlich nicht zum letzten Mal.


Fotos: © Felix Matzner

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