Zwischen den Stühlen

Hildegard E. Keller stellt sich und Teile ihres Werkes an zwei Junitagen in Marburg vor


Ein Vogel sitzt auf der Eintrittskarte zur sogenannten „Erzählperformance“ von und mit Hildegard E. Keller. Statt schwarzer Federn trägt er heute blaue Buchstaben, die in fein säuberlicher Aufreihung den Titel des Romans verraten, aus dem die Schweizer Literaturkritikerin, Autorin und Universitätsprofessorin lesen wird: Was wir scheinen. Es ist ihr erster Roman, eine historisch-biographische Annäherung an Hannah Arendt.



Noch eine?, möchte man achselzuckend anmerken, hat doch ein regelrechter Arendt-Hype in den letzten Jahren so viele Publikationen hervorgebracht, dass man zumindest den Verdacht äußern muss, schon lange nichts Neues mehr über die Denkerin des 20. Jahrhunderts erfahren zu können. Vor diesem Hintergrund scheint Hannah Arendt eine eher unwahrscheinliche Romanheldin zu sein, doch für Hildegard E. Keller war sie das nie. „Es gibt unheimlich viel über Hannah Arendt, aber die Rezeption hat Schlagseiten“, erläutert sie im Gespräch. Arendt als politische Denkerin sei sehr stark ausgeleuchtet, sie selbst interessiere aber auch die poetische Hannah Arendt, die Gedichte und Märchen schrieb, die Frau, die Freundin und Ehefrau – der ganze, so beeindruckend facettenreiche Mensch.


Nun muss man natürlich vorsichtig sein mit solcherlei Äußerungen, ist es doch nahezu unmöglich, eine historische Person in ihrer ganzen Komplexität zu begreifen und ihr dabei vollkommen gerecht zu werden. Hildegard E. Keller stellt sich dieser Herausforderung, indem sie neue Wege des Erzählens erprobt: „Ich sage bei Lesungen manchmal, die zwei Vögel auf dem Cover der gebundenen Ausgabe würden für mich beim Schreiben stehen“, erläutert sie. „Die Vögel sitzen auf den Buchstaben wie ich auf den Schultern der Hauptfigur: ganz nah an Kopf und Herz.“


Ähnlich wie Keller soll es auch den Leser*innen ergehen, die auf fast 600 Seiten gemeinsam mit Arendt durch ihr Leben gehen. Mal begleiten sie eine junge Hannah, mal sehen sie mit den Augen einer 69-Jährigen, die ein letztes Mal von New York in das Tessiner Dorf Tegna reist, das ihr Zeit ihres Lebens als Rückzugsort diente. Dabei ist der Roman nicht ausschließlich als ergänzende Lektüre für ausgewiesene Arendt-Kenner gedacht; viel wichtiger als Faktenwissen seien Geduld, Zeit und ein bis zwei aufmerksame Ohren, um Stimmungen und Ton einzelner Passagen erfassen und einordnen zu können.


Die Stimme der Erzählerin bewegt sich während der Romanlektüre in einem Spektrum von sanft bis aufbrausend, ist immer klug, nachdenklich, nur manchmal müde. Bei der Performance im Marburger Software-Center kommt es mir jedoch fast so vor, als verschwinde sie hinter ihrer Schöpferin, der Autorin. Während Keller Passagen aus ausgewählten Kapiteln liest, steht sie frei vor ihren Zuhörer*innen, hinter dem Ohr ein Funkmikrofon, das an eine Pilotin oder energische Reiseführerin erinnert. Dabei schwankt sie von einem Fuß auf den anderen, lässt keine Ruhe in ihren Vortrag einkehren, der zwischendurch von musikalischen Einspielungen unterbrochen wird. Es wirkt so, als sei sie bereits mit einem Fuß aus der Tür, wieder auf Reisen, so wie es auch Hannah Arendt immer wieder war. Im Roman reist sie langsam, schreitet behutsam von New York nach Jerusalem, nach Zürich, Berkeley, Köln und Rom, damit die Vögel ja nicht fortfliegen. Keller hingegen scheucht sie auf, vielleicht, damit sie sich endlich nicht nur auf ihren, sondern auch auf den Schultern des Publikums niederlassen, um Hannahs Geschichte denjenigen zu erzählen, die sie noch nicht kennen. Die Geschichte einer Person, die nicht erst seit der Veröffentlichung ihrer Reportagen zum Eichmann-Prozess immer wieder zwischen den Stühlen saß.



Obwohl Keller oft darauf hinweist, dass man Menschen nicht vergleichen darf, kommt man nicht umhin, den Modus des zwischen den Stühlen Sitzens als regelmäßig aufblitzendes Motiv in ihren Werken zu begreifen. Einen Tag nach der Erzählperformance von Was wir scheinen präsentiert sie ihre Filme Brunngasse 8 und Whatever Comes Next im Capitol-Kino, die zunächst einen Einblick in die Geschichte mittelalterlicher Wandmalereien eines Hauses der Züricher Altstadt bieten, dann ein Porträt der Künstlerin und Wissenschaftlerin Annemarie Mahler-Ettinger zeichnen, die als Mädchen 1939 aus Wien in die USA flüchten musste und sich dort ein neues Leben aufbaute. Sowohl in den Filmen als auch im Roman zeigt Hildegard E. Keller eindrucksvoll, dass ein Mensch, so sehr wir auch glauben, ihn verstanden zu haben, immer mehr, immer die Summe aller seiner möglichen Daseinsformen ist. Das trifft auf die von ihr vorgestellten Frauenfiguren, aber ebenso auf sie selbst zu, die als Literaturkritikerin, Autorin, Germanistin, Regisseurin und Hispanistin schon immer zwischen den Stühlen saß und beweist, dass es dort auch ganz schön sein kann.


Am Ende der Erzählperformance von Was wir scheinen steht sie jedoch, aufrecht und mit wachem Blick, hinter sich eine an die Wand projizierte Fotografie Arendts, die gemeinsam mit ihr in die Ferne schaut. Denn vielleicht ist genau das der Trick: Zwischen den Stühlen zu stehen, anstatt zu sitzen, dann ist die Sicht besser, die Sicht auf alles, was möglich ist und denkbar wäre – whatever comes next.

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