Im Halbschatten der Erinnerung

Natascha Wodin liest aus dem Leben einer sowjetischen Zwangsarbeiterin in Deutschland: ihrer Mutter


Wenn du wüsstest, was ich gesehen habe, sagt die Mutter zur Tochter, wieder und immer wieder. Jahre später verweist dieser Modus des Entsetzens auf die Silhouette des Vergessens, die sich zeigt, wenn die Tochter an die Mutter denkt, die für sie „nur noch ein Schemen, mehr ein Gefühl als eine Erinnerung“ ist. Was bleibt von einem Menschen, der vor mehr als neunzig Jahren geboren, davon aber nur sechsunddreißig Jahre am Leben gewesen ist? Natascha Wodin liest Anfang Juni im TTZ Marburg aus Sie kam aus Mariupol, einem auf autobiographischen Details basierenden Roman, den sie 2014, während der Maidan-Revolution in der Ukraine, über das Schicksal sowjetischer Zwangsarbeiter*innen im Zweiten Weltkrieg schrieb. Jetzt, während sie liest, herrscht wieder Krieg.



Sie kam aus Mariupol ist eine Momentaufnahme, ein Blick durch das Vergrößerungsglas der Zeit auf ein einzelnes menschliches Leben, das dabei über sich hinausweist und zum Spiegel der Gegenwart wird. Bei Wodin geht es zunächst um Jewgenia Jakowlewa Iwatschenko, ihre Mutter, die 1944 von den Nationalsozialisten nach Deutschland deportiert und zur Arbeit in einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns gezwungen wurde: Montagewerk für Kampfflugzeuge, Seite an Seite mit anderen sowjetischen Gefangenen. Damit ist Sie kam aus Mariupol auch ein Buch über jene Millionen von sowjetischen Zwangsarbeiter*innen, die an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen in deutschen Betrieben zugrunde gingen und in unserem Geschichtsbewusstsein, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle spielen: „Unendliche Massen namenloser Menschen, die es nur als Zahlen gibt. Jeder davon ist meine Mutter.“


„Ich habe ein Jahrhundert in der Tasche“, sagt Wodin, während sie zwischen zwei Kapiteln kurz an ihrem Wasser nippt. Sie will das Leben eines Menschen im „Reißwolf zweier Diktaturen“ einfangen, der stalinistischen Massenverfolgung und dem deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, betont aber gleichzeitig: „Ich schreibe nur über meine Mutter.“ Keine bis ins letzte Detail recherchierte historische Zusammenhänge, kein erhobener moralischer Zeigefinger, nur die Suche einer Tochter nach der Person, die ihre Mutter, diese „verschreckte, verhärmte Frau“, einmal gewesen war, bevor sie, an der Zwangsarbeit zerbrochen, mit nur sechsunddreißig Jahren Suizid beging. Damit kann Sie kam aus Mariupol auch als Protokoll einer „Detektivarbeit“ verstanden werden, die zu verfolgen die Lektüre besonders reizvoll mache, wie Lesungsmoderator Manfred Paulsen vom Verein Kulturelle Aktion Marburg – Strömungen e.V. betont. Das ständige Auf und Ab, die Entdeckungen und Lichtblicke, gleichzeitig das Resignieren vor der Dunkelheit, wenn Leerstellen sich nicht füllen lassen – da fiebere man regelrecht mit.


Während die Lesung sich ihrem Ende neigt, ist mir eher nicht nach Mitfiebern zumute. Ich frage mich stattdessen, wie das gehen soll (denn es geht tatsächlich), die dunklen Flecken eines ganzen Jahrhunderts mit der Geschichte eines einzelnen Lebens auszuleuchten, in dem die Finsternis zu Hause war. Ich frage mich, wie das ist, in der Erinnerung einer Person zu stochern, die einem so nah und gleichzeitig so fremd ist wie die eigene Mutter, die man zuletzt als Zehnjährige sah, und dabei womöglich mehr herauszufinden, als die Person jemals über sich selbst wusste, weil sie vielleicht „nicht nur ein Mensch ohne Zukunft, sondern auch einer ohne Vergangenheit“ war. Ich frage mich, warum Wodins Stimme, wenn sie liest, so sanft klingt, wie frisch aus den Hülsen gefallene Apfelkerne, und nur, wenn sie frei spricht, rauer wird, als reibe sie sich an der Rinde eines alten, bemoosten Obstbaumes.

Natürlich frage ich mich das leise, nur ganz nebenbei, und verlasse den Lesungsort mit ebenso vielen Fragezeichen, vielleicht- und möglicherweise-Sätzen, wie gerade so in einen Kopf – und einen Text – hineinpassen. In Gedanken die Gewissheit, dass sich die Gegenwart immer wieder auf ungute Weise in der Vergangenheit spiegelt, im Hinterkopf derselbe Satz on repeat: „Die Wirklichkeit erschien mir viel unwirklicher als meine Vorstellung von ihr.“

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