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Erbanlage Einsamkeit

Ein Ausbruch aus der über Generationen hinweg weitergegebenen Einsamkeit einer Familie

23.06.26 Am späten Nachmittag dieses Sommertages ist der Autor Daniel Haas beim Marburger Literaturforum zu Gast. Eingeführt wird die Veranstaltung im Alten Rathaussaal mit einem Ausblick auf die bundesweite Aktionswoche »Gemeinsam statt einsam«. Unter diesem Motto steht auch Haas' im Februar dieses Jahres veröffentlichtes Buch »Einsamsein«. Den Auftakt macht er, indem er den Zuhörer/-innen einen kleinen Einblick in den Aufbau des Buches gibt. Schon die Dreiteilung desselben in »Verlust«, »Sehnsucht« und »Hoffnung« eröffnet eine erste Ahnung von der ungeheuren Bürde, die dieser »Befreiungsgeschichte«, so der Untertitel, vorangegangen ist.

Während der Lesung spricht Haas mehrmals die betroffenen Gesichter im Publikum an. Dies, so betont er, sei alles andere als Teil seiner Intention beim Schreiben des Buches gewesen. Trotz seiner leichtfüßigen Erzählweise hat Haas ein besonderes Anliegen: Er möchte Begriffe aufschlüsseln, die aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und um der Kultiviertheit Willen verschlüsselt wurden. Seine Beschreibungen, die oft erschreckend schonungslos daherkommen, sind eine transparent-konkrete Ausstellung der Realität. Jene Kultiviertheit ist es auch, die Haas als beliebten Filter der Einsamkeit enttarnt, was er anhand mehrerer Anekdoten unterstreicht. So hat er selbst eine Wohnung mit prall gefüllten Bücherschränken bewohnt, in der er der Einsamkeit regelmäßig anheimfiel und war trotz einer Vielzahl an Kontakten nirgendwo zugehörig – erst recht nicht mehr nach der Trennung seiner Lebensgefährtin und dem Verlust seiner Mutter, der nach einem Leben voller Einsamkeit nur noch der Suizid ein Ausweg schien.


Hinter dem in unserer Gegenwart omnipräsenten Begriff der Vernetzung verstecke sich allzu häufig die Einsamkeit, so Haas weiter. Mit so einer Art von Bekanntschaft, wie sie in der Vernetzung bestünde, gehe nie das Gefühl von Zugehörigkeit einher. In genau dieser bewussten Verbindung zu jemandem erkennt Haas jedoch den Schlüssel für den Weg aus der Einsamkeit. Der Kommentar einer Zuhörerin, die darauf aufmerksam macht, dass »Befreiungsgeschichte« nach der Lektüre dieses Buches etwas völlig anderes meint, als das, was sie zuerst damit in Verbindung gebracht hatte, führt zu einem abschließenden Impuls zum Nachdenken. Darauf eingehend beendet Haas die Lesung mit dem Plädoyer, sich von den Fesseln der Scham zu befreien und den Mut zu haben, sich zu jemandem zu bekennen. Entscheidend sei, wirklich einmal aktiv ein Ich-gehöre-zu-dir-und-du-zu-mir zu denken und, für die besonders Mutigen, dies auch einmal auszusprechen. Befreiung heißt im Falle der Einsamkeit bei Haas immer ein Aktivwerden und nicht ein Sitzenbleiben im Wartezimmer des Lebens – auf eine irgendwann nahende Erlösung hoffend.

 
 
 

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