Das Fremde im Eigenen

Am 12.05.2022 las die Österreicherin Marie Gamillscheg in Marburg aus ihrem zweiten Roman „Aufruhr der Meerestiere“. Ein Abend über Quallen, Sprachlosigkeit und die Angst zwischen Tier und Mensch.


An jenem Donnerstagabend begegnet mir eine durchaus aufgeregte Marie Gamillscheg, eine junge Grazer Autorin, die im Marburger TTZ ihr zweites Buch Aufruhr der Meerestiere vorstellt und für ein kleines, aber interessiertes Publikum daraus liest. Die Passagen, die sie für ihre Lesung ausgewählt hat, machen schnell klar, dass Gegensätze und Konflikte eine wichtige Rolle in der Geschichte um die anorektische Wissenschaftlerin Luise spielen, die im Rahmen einer Forschungsreise an ihren Herkunftsort zurückkehrt. Diese Reise, in die Heimatstadt und in die Erinnerung, ist ein erster Indikator dieser Differenzen: Die Meeresbiologin ist im Gebirge aufgewachsen, das sie für das Studium an der Ostsee verlassen hat. Dort hat sie auch die Faszination für ihr zentrales Forschungsobjekt entdeckt – die Meerwalnuss, eine Quallenart, die alles aufnimmt, alles verzehrt, zur Not auch die eigenen Kinder. Sie ist, wie wir von Gamillscheg aus einem kurzen Abriss zu dem Meerestier erfahren, ein starker Kontrast zur Forscherin selbst, die weder Nahrung zu sich nimmt noch Menschen an sich heranlässt.


Die erste Passage, die ich zu hören bekomme, stammt aus dem einleitenden Kapitel des Romans, gibt mir Einblick in Luises Kindheitserinnerungen an alpine Skifahrten und macht somit erneut die Natur zum Thema, diesmal nicht in Gestalt des Meeres, sondern der Berge. Die Autorin bezieht uns, ihr Publikum, als Resonanzraum immer wieder mit in die Fragen ein, die sie sich selbst während des Schreibprozesses gestellt hat. Das Klima der Alpen, das im Roman von Bedeutung ist, wird von ihr mit Überlegungen zum Schnee umrissen: Wie verhält sich Schnee? Gibt es Unterschiede zwischen Kunst- und Naturschnee für Wintersportler*innen? Und wie prägt es die eigene Perspektive, in Gebirgsnähe aufgewachsen zu sein? Bei diesen Gedankensprüngen stellt sie Querverbindungen zum Insularen her, das sich als ein weiterer roter Faden durch den Roman und auch den Abend zieht: Die Universität als Institution wird von Gamillscheg als „Biotop“ bezeichnet, in dem Luise als eine „Insel, unabhängig vom Festland“ treibt.


Die Nervosität der Autorin verwandelt sich zusehends in eine Freude am Austausch, was nicht zuletzt an den Fragen der Moderatorin Friederike Wißmach liegt, die gelungen Kontexte herstellt, zu Assoziationen einlädt und Gamillscheg trotzdem den Raum gibt, sich und ihre Arbeit selbst zu präsentieren und sich den Schwierigkeiten des Schreibens zu widmen. Gamillscheg bekennt, zu den langsam Schreibenden zu gehören – sie verpflichtet sich zur Genauigkeit und es ist ihr ein zentrales Anliegen, für die verschiedenen Beziehungen und Verhältnisse im Text die passenden Begrifflichkeiten zu finden. Diese minutiöse Arbeit habe ich dem Buch und der Lesung angemerkt, gerade in der Aushandlung der changierenden Verbindung von Luise als Nukleus der Geschichte zu ihrem Körper, zu ihrem Vater, zu ihrem Forschungsobjekt. In der zweiten Romanpassage, die wir zu hören bekommen, erfahren wir von der Sprachlosigkeit, die das Verhältnis zwischen Luise und ihrem Vater prägt. Hier spielt besonders die Angst eine wichtige Rolle: Die Protagonistin hat Angst vor Kontrollverlust, möchte die Erwartungshaltungen anderer übertreffen und krankt an der nie ausgesprochenen Frage, ob das große Scheitern nicht auch die große Befreiung sein könnte.


Marie Gamillscheg zeigt Luise in diesen Passagen in allen Facetten ihrer Kontrollwut und Verletzlichkeit, die sie zu einem komplexen Charakter machen, dessen Einordnung Leser*innen und Zuhörer*innen schwerfällt. Auf eine Publikumsfrage hin erklärt die Autorin später, dass sie zwar keine besondere Strömung der Sprachphilosophie vor Augen gehabt habe, aber Sprachskepsis sie beim Schreiben stets begleite – kulminierend in der Frage, was eine Sprachkrise denn eigentlich bedeute. Für sie sei es der lange Prozess der Stimmenfindung gewesen, sie sei keine „Planautorin“, sondern musste erst den richtigen Ton für ihre Geschichte finden.


Eine dritte und abschließende Stelle, die uns präsentiert wird, spielt im Zoo, in den die Meeresbiologin eingeladen wird, weil sie dort ein Forschungszentrum leiten soll, was sie mit erheblichem Unbehagen erfüllt. Der Text suggeriert an dieser Stelle wieder eine Insularität: Auch der Tierpark fungiert als einer der Mikrokosmen, in die Luise auf ihrer Suche nach dem eigenen Reiseziel stets ein- und wieder austritt. Gamillscheg schickt das Publikum, dem sie sich sehr zuwendet, auf eine Reise durch den Zoo und damit auch durch Luises Erinnerungen – die sich in Teilen mit denen der Autorin decken: Der Zoodirektor im Buch basiert auf einem realen Vorbild, dem Österreicher Helmut Pechlaner, der im Kindesalter eine ungeheure Faszination auf sie ausgeübt habe. „Ich wusste nicht immer, wer der Bundespräsident ist, aber ich wusste immer, wer Helmut Pechlaner ist“, bekennt Gamillscheg und zeigt so einmal mehr ihre Nahbarkeit, was das Publikum mit herzlichem Lachen belohnt. Trotz aller Liebe der Forscherin zu Pechlaners Abbild, das, wie betont wird, natürlich keine exakte Kopie sei, werden Zoos von Gamillscheg kritisch beleuchtet. Das bietet Anknüpfungspunkte für eine Diskussion; der Satz „Das Verhältnis von Mensch und Tier ist von Angst geprägt“ wird von einem angeregt fragenstellenden Publikum mehrfach wieder aufgegriffen.


Ich selbst frage nach den Gegensätzen, die ich beobachtet habe – die raumgreifende Meerwalnuss, die schwindende Luise. Die Autorin benutzt zur Erklärung und unter Betrachtung der mehrfach besprochenen Schwierigkeiten, den Roman einzuordnen, den Ausdruck, sie wolle „das Fremde im Eigenen“ hervorheben. Das ist der Komplexität des Buches anzumerken. Und auch der Genauigkeit, mit der sie sich den Fragen der Moderatorin und des Publikums stellt. Ein Abend, der die Zusammenhänge von Sprachlosigkeit, Mensch und Natur sowie der Kommunikation über Körper und Umwelt deutlich macht und zeigt, wie Marie Gamillscheg Konflikte und Herausforderungen verschiedener Art (er)schreibt und würdigt.

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